Fr. 23.08.19

 

In der Nacht hat es immer mal wieder getröpfelt und wir haben uns mental auf einen Ruhetag eingestellt. Morgens dann, nach dem Aufwachen, trauen wir unseren Augen nicht: Sonne, blauer Himmel, aber kalt. Bei so schönem Wetter können wir natürlich nicht in der Bude sitzen bleiben. Wir fahren und den „Top of the world-Highway“ bis nach Dawson City in Angriff. Schon nach wenigen Kilometern, auf der ersten Bergkuppe, haben wir einen fantastischen Blick auf die tiefen Täler voll mit Wolken/Nebel und auf die schneebedeckten Gipfel am Horizont, unterhalb davon das breite Nebelband über dem Yukon River. Wir fahren langsam weiter und halten immer wieder kurz an, der Ausblick wird immer besser.

Von dem jungen Stuttgarter Pärchen, das wir gestern in Chicken getroffen haben, haben wir die Empfehlung für einen Stellplatz bekommen mit herrlichem Panorama. Als wir den Feldweg am Berghang bis dorthin hinter uns haben, stehen wir auf einer kiesigen Fläche und haben das weite Tal und die Berge wie gemalt vor uns. Toll!

Da packen wir doch gleich mal die Stühle aus; brauchen zwar wegen der Höhe und des kühlen Windes die Jacken, aber in der Sonne passt das. Wir beschließen stehen zu bleiben, und den Tag hier oben zu genießen.

Nach ca. einer Stunde ziehen aber leider immer mehr dunkle Wolken von Süden her auf und verdecken die Sonne. Ein Blick in die Ferne offenbart, dass da noch mehr kommt und es leider nichts wird mit einem sonnigen Tag im Freien.

Also packen wir wieder alles ein und fahren die restlichen 30 Kilometer hinunter nach Dawson City, das wir schon mehrere Serpentinen oberhalb gut einsehen können. Dawson City – am Zusammenfluss von Yukon und Klondike – rauchende Colts und Goldgräber'romantik'!

Bevor wir nach Dawson hineinfahren können, müssen wir mit der kostenlosen Fähre über den Yukon übersetzen. Diese fährt von früh bis spät alle 15 min hin und her, so dass wir fast keine Wartezeit haben.

Als erstes steuern wir das Yukon Visitor-Center sowie das gegenüberliegende Northern Territories Visitor-Center an, da wir hier die aktuellsten Infos zum Dempster-Hwy erhalten. Das Pärchen aus Chicken war vor ein paar Tagen auf dem Dempster unterwegs. Sie konnten am Arctic Circle einen kleinen Schneemann bauen; die Straße musste wegen Schnee für einen halben Tag gesperrt werden.

Im Moment, so bekommen wir erläutert, gibt es keine Schwierigkeiten. Laut Wettervorhersage werden die nächsten zwei Tage durchwachsen sein, der Sonntag soll voll sonnig werden. Die Dame im Visitor-Center winkt gleich ab und meint, dass sich das Wetter hier oben täglich verändert und nur schwer vorhergesagt werden kann.

Wir schlendern ein bisschen durch die Stadt, kaufen im Bonanza-Supermarkt ein und bestaunen den besonderen Charme dieses weltberühmten Ortes. Es ist eine Mischung aus Historic Monument, Freiluftmuseum und Touristenattraktion, aber eben auch aktives Leben im Yukon-Territory. Die Menschen, die hier leben sind keine Statisten, sondern arbeiten hier immer noch in unzähligen Goldminen rund um Dawson City oder versuchen in diesem rauen, aber wunderschönen Land anderweitig ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, z.B. auf kleineren Farmen mit Gemüse-/Kartoffelanbau. Natürlich gibt es auch viele Saisonarbeiter, die nur während der Hochsaison im Sommer hier sind.

Wir überlegen noch, ob wir bleiben sollen, weiter durch die alten, historischen Bauwerke in Dawson bummeln und heute Abend die CanCan-Show im Saloon genießen sollen oder weiterfahren. Da die Sonne herrlich scheint und Richtung Norden keine schwarzen Wolken zu sehen sind, wollen wir das ausnutzen. Auf dem Rückweg vom Dempster werden wir nochmal nach Dawson City kommen, um unsere Vorräte aufzufüllen.

Gerade als wir starten, treffen wir einen Fahrradfahrer aus der Nähe von Teck in unserer Heimat. Er startete vergangenen Dezember in Ushuaia im Süden von Patagonien; radelte die Panamericana bis nach Kolumbien, flog von dort nach San Francisco und dann wieder mit dem Fahrrad bis hier hoch nach Dawson City. Man liest ja immer wieder von solchen bewundernswerten „Verrückten“, aber es ist schon etwas anderes, einen persönlich kennen zu lernen. Auf Grund unserer langen Anfahrt von der mexikanischen Grenze bis hier her können wir sehr gut einschätzen von welchen Entfernungen und geleisteten Höhenmetern hier gesprochen wird. Hut ab vor dieser grandiosen Leistung.

Als wir aus Dawson rausfahren, sehen wir, dass die gesamte Umgebung über zig Kilometer komplett haushoch durchwühlt wurde, mittels der großen Schwimmbagger-Dredge ausgewaschen wurde. Man kann deutlich die raupenförmigen Ablagerungen des gewaschenen Gerölls, der sogenannte Dredge-Tail, erkennen. Schon irre, mit welchem gigantischen Aufwand zu der damaligen Zeit die Landschaft auf den Kopf gestellt wurde, gerade mal vor 100 Jahren. Auch wenn die Natur versucht, hier wieder Fuß zu fassen und die Menschen ihre Behausungen zwischen die Hügel bauen, wird man noch lange in der Zukunft diese massiven Eingriffe erkennen können.

40 km östlich von Dawson City geht es links ab auf den Dempster-Hwy – rd. 900 km Schotterpiste bis nach Tuktoyaktuk an der Beaufort Sea, dem Polarmeer. Direkt an der Kreuzung ist noch eine Automatentankstelle, wo wir gleich nochmal 90 L nachfüllen, damit die Tanks gut voll sind. Im best case werden wir die vollen 1800 km abfahren; Sprit in der Wildnis zu besorgen könnte etwas schwierig bzw. extrem teuer werden.

Erstes Etappenziel soll das Interpretative Center des Tombstone Territorial Parks sein. Dort hoffen wir, einen sauberen, trockenen, und ebenen Untergrund vorzufinden, um dann den Moppel abschmieren zu können. Wir haben schon wieder 3500 km voll und bevor wir dem LKW die nächsten 1800 km Gravelroad zumuten, bekommt er ausreichend Fett. Da wir auch nicht wissen, ob wir in den nächsten Tagen doch evtl. in Schnee kommen, muss das sonnige Wetter unbedingt ausgenutzt werden. Ich/P habe Glück, die Sonne scheint, der Platz ist zwar nicht geteert, aber so, wie ich das gewünscht habe und so ist das Abschmieren + Ölkontrolle zügig erledigt. Bis wieder alles aufgeräumt ist, hat Marion in der Zwischenzeit Brotteig angesetzt.

Gleich hinter dem Center befindet sich ein günstiger, aber halt doch kostenpflichtiger Campground. Deshalb können wir vor dem Center nicht stehenbleiben, auch wenn die Aussicht auf die Berge rundherum schon genial ist.

Wir fahren weiter und versuchen, innerhalb der nächsten 20-30 km einen schönen Stellplatz in Hwy-Nähe zu finden. Die Ausblicke auf der weiteren Fahrt werden immer besser. Einige km später entdecken wir eine breite Einfahrt von wo aus wir einen super Rundblick haben. Hier bleiben wir stehen. Auf dem Berghang in unserem Rücken entdecken wir auch gleich noch mehrere weiße Mountain Goats (Bergziegen). Wir sind jetzt auf 1400 m am North Fork Pass Summit, dem höchsten Punkt auf dem Dempster-Hwy angekommen, ungefähr bei km 80. Er ist gleichzeitig auch eine kontinentale Wasserscheide. Alle Flüsse nordseitig fließen über das Mackenzie River System in die Beaufort Sea, unserem Ziel, dem Polarmeer. Alle anderen südlich von hier fließen irgendwo in den Yukon und von dort weit im Westen in die Bering-See.

Nach dem Abendessen schiebt Marion noch die Brötchen zum Backen in den Ofen und schon geht die Sonne hinter der westlichen Bergkette unter.

 

Übernachtungsplatz:

Freistehen im Tombstone Territorial Park, Dempster-Hwy, GPS: 64.578559, -138.260339, genialer Rundblick auf die schneebedeckten Berge, sehr ruhig, sehr empfehlenswert

 

 

Sa. 24.08.19

 

Die Nacht war sehr kalt hier oben am Summit, da braucht es während des Frühstücks schon mal die Heizung. Die Wolken hängen recht tief, aber ab jetzt geht es erst mal wieder talwärts. Unser heutiges Etappenziel ist der Artic Circle, der Polarkreis.

Auf dem Weg dorthin ist die grandiose Landschaft die sich immer wieder verändernde Sehenswürdigkeit, vor allem wegen des einsetzenden Herbstes und seinen Farben. Wir kommen an spiegelglatten Seen vorbei, wo Marion versucht die etwas scheuen Enten mit der Kamera einzufangen. Ich versuche mit zu helfen mit unserem Loon und seinem Lockruf.

Zu den folgenden farbenfrohen Aufnahmen gibt es nicht viel zu sagen. Man gleitet durch das einsame Herz der Yukon-Area und lässt die Weite auf sich wirken.

Aber nicht nur die Pflanzen malen mit den unterschiedlichsten Farbschattierungen, auch die Sulphur Springs lösen aus dem Gestein genügend Mineralien heraus und verleihen dem Red Creek die bunten Farben der oxidierten Elemente. Über viele Kilometer folgen wir dem bunten Flüsschen, finden aber die ursprüngliche Schwefelquelle nicht. Dafür entdecken wir an einigen Berghängen freie Stellen, die wie große Farbflecke leuchten, da hier die offenliegenden Mineralien während der Erosion oxidiert sind.

Einige Kilometer weiter kommen wir an Felsformationen vorbei, die aus Dolomit bestehen. Der Fluss hat sich in den vergangenen Jahrtausenden in Kurven hindurchgearbeitet, so dass die Landschaft etwas an das heimatliche Donautal erinnert, wo sich der Fluss durchs Kalkgestein gegraben hat.

Während wir etwas langsamer fahren entdeckt Marion am Straßenrand frische Bärenspuren. Darauf wird noch intensiver die Umgebung abgesucht, aber es sollte nicht sein, Meister Petz ist irgendwo unsichtbar im Gebüsch.

Am Elephant Rock Pullout suchen wir lange in nah und fern einen Fels mit der entsprechenden Form. Wir wollen schon aufgeben und unsere Aufmerksamkeit den frechen, nicht wirklich scheuen Grey Jays schenken, als Marion weit entfernt auf einem Bergrücken den Elefanten entdeckt. Glück gehabt, dass die Wolken an der richtigen Stelle aufgerissen sind.

Weiter geht es Richtung Olgivie Ridge. Die Straße wird matschiger, versaut immer mehr unser Mobil, aber die Aussichten entschädigen uns für dieses Ungemach. Leider ist die Fernsicht etwas eingeschränkt, sonst würden die schneebedeckten Bergketten am Horizont noch mehr Kontrast bieten.

Kurz vor abends um 5 Uhr kommen wir dann mit total verdrecktem Moppel am Artic Circle an. Vor wenigen Tagen hatten die beiden Stuttgarter, die wir in Chicken trafen, hier noch einen kleinen Schneemann gebaut. Heute scheint die Sonne und es sind T-Shirt-Temperaturen.

Wir parken in ein paar Hundert Metern Entfernung an einem Pullout direkt am Hwy gegenüber dem Marker ein. Wir könnten auch direkt auf dem Arctic Circle Parkplatz übernachten, allerdings kommen bis spät und meistens auch früh morgens andere Reisende vorbei, und da haben wir es an diesem Standort etwas ruhiger.

Während Marion noch einen großen Gemüseeintopf ansetzt versinkt die Sonne am Horizont.

 

Übernachtungsplatz:

Freistehen am Arctic Circle, Dempster-Hwy, GPS: 66.570000, -136.310808, 400 m von der offiziellen Tafel entfernt, Gravelplatz direkt am Hwy., super Aussicht, sehr ruhig, sehr empfehlenswert

 

 

So. 25.08.19

 

Es hat zwar nicht geschneit, aber wie schon gestern oben auf dem Summit ist die Temperatur recht knackig heute Morgen. Die Sonne kämpft tapfer dagegen an und vertreibt die Kälte im Laufe des Morgens.

Heute, auf unserer dritten Etappe, immerhin 330 km Gravelroad, wollen wir Inuvik, am Ende des Dempster-Hwys erreichen.

Auf die Gefahr mich zu wiederholen kann ich nur sagen, grandiose Landschaften; alle Farben, was die Palette hergibt. Einfach nur hindurch gleiten, soweit die Straße einem die Muße dazu lässt. Die Jungs mit den Motorrädern beneiden wir nur bedingt, da die Straße zum Teil sehr rutschig (Slippery when wet) ist und man mit dem Motorrad schon besonders gut aufpassen muss, um nicht im Matsch zu landen.

Nach 60 km kommen wir an die Grenze zwischen Yukon Territory und den North-West-Territories (wir müssen die Uhr um 1 h vorstellen). Von hier aus sind es immer noch 270 km bis zu unserem heutigen Ziel. Also weiter durch die bunten Tundra-Landschaften.

Bis zur ersten Fähre über den Peel-River kurz vor Fort McPherson sind es 85 km. Davor kommen wir an einem verlassenen Cabin-Dorf am Midway Lake vorbei. Hier findet immer Anfang August das Midway Lake Music Festival statt. Dafür sind wir leider zu spät dran - man kann nicht alles haben. Zu dieser Zeit wäre alles noch grün und wir würden die Farbenpracht verpassen. Kurz vor der Abfahrt runter zur Fähre am Fluss gibt es einen Aussichtspunkt, allerdings ist die Sicht in die Ferne nicht wirklich gut.

An der Fähre kaum Wartezeit, da die zu überwindende Strecke sehr gering ist.

Bis zur nächsten Fähre über den Mackenzie River sind es ca. 60 km durch flaches Mackenzie Delta-Gebiet. Üblicher Tundra-Bewuchs und keinerlei Erhebungen. Diese Fähre benötigt deutlich mehr Zeit, da sie erstens gegen eine nicht unerhebliche Strömung ankämpfen muss und zweitens einen Dreiecks-Kurs absolvieren muss. Eine Spitze des Dreiecks ist das First-Nation-Dorf Tsiigehtchic („Mouth of Iron River“) zwischen dem Mackenzie um dem Arctic Red River gelegen. Die Umgebung rund um dieses Dorf, das sonst keine Anbindung an die Straße hat, ist bekannt für die reichhaltigen Vorkommen an Blueberries, Cranberries und noch eine Anzahl weiterer Beeren.

Ab jetzt fahren wir nur noch auf Riverdelta Niveau. Das bedeutet, dass die Straße regelmäßig gewartet werden muss, da sie entweder sumpfig-nass oder extrem staubig ist. Das gesamte Mackenzie-Delta bis hoch nach Inuvik ist eher reizlos und wegen der vielen Schlaglöcher und miserablen Straßenbeschaffenheit ein anstrengendes Stück Arbeit, das wir schnell hinter uns bringen wollen.

40 km vor Inuvik gibt es am Campbell-Lake doch noch Abwechslung fürs Auge, ein Steilhang, urzeitliche Klippen. Hier spazieren wir auf einem nicht sehr langen Weg zum Aussichtspunkt und haben einen weiten Blick über den See.

Später in Inuvik, sind wir dann echt geschafft. Weil Sonntag ist hat der Supermarkt geschlossen, so dass wir vorbei an der Iglukirche der Katholiken direkt zum Campground fahren. Wir haben zwar kurz vor dem Ort noch einen Platz zum Freistehen begutachtet, aber da wir uns nicht sicher sind, ob wir hier wirklich in Ruhe stehen können, werden wir mal eine Ausnahme machen und auf den Campground gehen. Dieser hier kostet zwar knappe 24C$ (16Euro), hat dafür aber heiße Duschen und liegt mitten im Ort, somit sind sowohl Kneipen als auch die „Einkaufsstraße“ gut zu Fuß zu erreichen. Nach dem Einparken gehe ich/P noch zum Hausfrisör, wobei wir vergessen haben, im Vorfeld den Akku vollzuladen, daher wird es gegen Ende eng mit der Leistung. Mit kurzen Zwischenladungszyklen hat Marion dann das Werk vollendet, aber für sie selbst reicht die Power natürlich nicht mehr. Jetzt muss sie noch ein paar Tage die 'langen' Haare ertragen.

Zurück von einer ausgedehnten heißen Dusche spricht uns ein Rentnerpärchen auf breitestem Schwäbisch an. - Die Schwaben sind schon ein sehr reiselustiges Völkchen; die triffst du sogar am hintersten Zipfel der Erde. - Die Frau kam gerade aus der Dusche zurück und auf die Frage von Marion, wie die Duschen so seien, meinte sie „Ich habe die Dusche gerade frisch geputzt“. Wir müssen uns beherrschen, um nicht ungebührlich los zu lachen. Eine schwäbische Hausfrau ist halt auch im arktischen Norden von Kanada nicht von ihrem Putzdrang abzuhalten.

 

Übernachtungsplatz:

Happy Valley Campground, Inuvik, GPS: 68.359163, -133.734743, 23,65C$, warme Duschen, direkt im Ortskern, zu Fuß alles gut erreichbar, für eine Nacht als Zwischenstopp zum Polarmeer OK

 

 

Mo. 26.08.19

 

Nach einer relativ ruhigen Nacht machen wir uns auf zur letzten Etappe hoch nach Tuktoyaktuk (im allgemeinen nur kurz 'Tuk') am Polarmeer. Diese Strecke ist erst seit 2017 als Sommerstrecke zu befahren. Bis dahin musste man den Winter abwarten und dann mit Schneeketten 152 km auf der Eisstraße bewältigen.

Von Inuvik aus ist die Straße in einem relativ guten Zustand und macht Hoffnung, zügig voran zu kommen. Auch hoffen wir, dass das Wetter heute ohne Regen auskommen wird und wir nochmal das Farbenspiel der Natur im Sonnenlicht genießen können.

Schon nach ca. 15 km haben wir den ersten Wildlife-Kontakt mit einem jungen Polarfuchs, der noch im vollen Sommerkleid daher kommt. Er ist von unserem LKW unbeeindruckt, selbst als wir langsam parallel zu ihm fahren während er suchend am Wegesrand schnürt. Wir haben uns gleich in das knuffige Tierchen mit dem übergroßen Schwanz und dem weißen Puschel verliebt. Aber mitnehmen ist ja nicht .....

Wo in Inuvik und davor noch Baumbewuchs herrschte, der in vollem Gelb strahlte, fahren wir jetzt durch Tundra-Buschwerk in allen Rottönen, die man sich denken kann, soweit das Auge über die endlosen Ebenen reicht. Besonders an Bächen dominieren intensives Gelb und Grün, bilden einen tollen Kontrast zum vorherrschenden Rot.

Wildlife hier: Arktische Gänse und Enten dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Je näher wir unserem Ziel kommen, desto schlechter wird der Straßenzustand im Permafrostboden und wir haben manchmal das Gefühl, den 10-Tonner in 30 cm tiefer Knetmasse zu fahren und gleich hängen zu bleiben. Wir kommen immer problemlos durch, aber der Gedanke, diese Strecke evtl. bei Regen fahren zu müssen, lässt uns nachdenklich werden.

Als wir am Horizont schon Tuktoyaktuk erahnen können, kommen wir an den beiden Pingos vorbei (Erdhügel, die sich aus dem Permafrostboden erheben, früher außerdem wichtige Landmarken), die Wahrzeichen von Tuktoyaktuk, und gleich danach auch am Müllplatz des Dorfes - da hätte sich doch sicherlich auch ein anderer Platz, nicht hier direkt an der Ortseinfahrt und neben dem Wahrzeichen, finden lassen können. Aber 9 Monate im Jahr ist der Großteil dieser Sauerei mit Schnee zugedeckt, so dass sich darüber wohl keiner Gedanken macht.

Tuktoyaktuk ist sehr kompakt auf einer kleinen Halbinsel mit bunten Häusern auf Stelzen erbaut.

Das Dorf ist schnell durchquert und wir stehen am Ende der Straße, direkt am Polarmeer. Hier endet auch der Trans Canada Trail. Wow – wir sollten beeindruckt sein, sind wir doch am nördlichsten Punkt unserer Reise angekommen. Nach heutiger Planung werden wir nirgends mehr auf der Welt weiter nördlich hinkommen. Es zieht, ist kalt, kein schönes Fleckchen Erde, lädt nicht gerade zum Verweilen ein. Das obligatorische Ziel-erreicht-Erinnerungsfoto wird natürlich trotz allem gemacht.

Schon am Vorabend ist eine französische Familie aus Paris mit ihrem tollen selbstgebauten Gefährt angekommen. Sie übernachteten draußen bei den Pingos bei strömenden Regen und wollen heute auch wieder gen Süden fahren.

Marion lässt sich natürlich nicht davon abhalten, zumindest ein Fußbad im Polarmeer zu nehmen. (Schwimmen ist verboten – wahrscheinlich wäre sie sonst hier ins eiskalte Wasser gehüpft.) Nach Atlantik, mexikanischem Golf und Pazifik kommt dieses Meer jetzt in die Sammlung der Meere dieser Reise. Ein kleines Stückchen Treibholz aus der Beaufort See als Erinnerung darf auch mit.

Da wir dem Wetter nicht trauen und nicht evtl. Morgen bei Regen im Schlamm stecken bleiben wollen, beschließen wir, auch wieder gen Süden aufzubrechen. Der Ort reizt nicht, um hier zu übernachten, vor allem da man am kleinen Touri-Büro 30C$ pro Nacht bezahlen muss, um auf dem matschigen, windigen Platz am Polarmeer stehen zu können.

Nach 30min im zugigen kalten Wind packen wir wieder ein, stoppen noch kurz am Supermarkt, erstehen noch einen Tuktoyaktuk-Kühlschrankmagneten und hoffen, dass die Straße nach Süden etwas abgetrocknet ist. Sie ist besser als auf der Herfahrt, trotzdem sind wir froh, die schlimmsten Stellen nicht bei Regen befahren zu müssen.

Natürlich bewundern wir auch auf der Rückfahrt bis nach Inuvik nochmals das „rote Tundrameer“.

In Inuvik betanken wir am Campground noch unsere Wassertanks und fahren dann zügig weiter. Wir wollen nicht noch einmal hier übernachten und fahren deshalb weitere 60 km gen Süden auf der Suche nach einem geeigneten Stellplatz. Kurz bevor wir ankommen haben sich alle Hasen der Gegend auf der Straße versammelt. Auf mehreren Kilometern sehen wir dutzende Hasen, die zügig im Unterholz verschwinden als wir anrauschen.

Im Ioverlander ist ein Platz markiert, an einem alten wassergefüllten Steinbruch, groß genug für viele Fahrzeuge. Als wir ankommen, steht nur ein anderer Reisender mit seinem Auto auf dem Platz. Der sowieso dünne Verkehr lässt gegen Abend komplett nach und wir haben nach dem sehr langen Tag eine erholsame Nacht.

 

Übernachtungsplatz:

Freistehen am Dempster Hwy, GPS: 68.004441, -133.469911, großer Platz, sehr ruhig, empfehlenswert

 

 

Di. 27.08.19

 

Beim Frühstück haben wir neben etwas Nebel auch noch zwei süße Häschen im Vorgarten.

Trotz Straßenoptimierungen an vielen Stellen durch die 'Grader' sind es immer noch zig Kilometer in grausigem Zustand. Ausweichen ist nicht, da die Seitenstreifen sehr weich sind - ganz besonders bei unserem Gewicht.

Wir haben ja gestern schon 60 km der heutigen Etappe erledigt und sind somit zügig wieder an der nördlichen Fähre über den Mackenzie. Diesmal haben wir leider Pech. Wir sind zwar rechtzeitig an der Landungsstelle, aber die Fähre ist bereits voll und kann uns nicht mitnehmen. Dann wird eben eine vorgezogene Mittagspause eingelegt. Hinter uns kommt Roland aus Schaffhausen mit seinem Mietcamper an; so gibt es auch wieder Reisegeschichten zum Austauschen. Ihn haben wir schon in Inuvik auf dem Campground getroffen.

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Auch das Mackenzie-Delta durchqueren wir wieder zügig, da hier die Straßenbeschaffenheit etwas besser ist. In Fort McPherson machen wir einen kurzen Stopp, um im Supermarkt noch ein paar Lebensmittel zu bunkern. In diesem Ort gibt es auch eine Zelt und Segeltuch-Manufaktur. Im kleinen Ausstellungsraum kann man die Produkte besichtigen und erwerben. Sind nette Segeltuch-Taschen dabei, aber wir haben keinen Platz und eigentlich auch keinen Bedarf dafür. Kurz nach Fort McPherson geht es dann auf die Fähre mit der kurzen Flussüberquerung über den Peel-Rivers.

Auf den nächsten 86 km kämpfen wir uns wieder über die Gravelroad, die vor und nach der Erhebung von Eagle Plains die schlimmsten Stücke der ganzen Strecke aufweist.

An vielen Stellen kann man auch großflächige Einbrüche des Permafrostbodens erkennen.

Wenn das Sonnenlicht zwischen den aufkommenden Wolken durchbricht, beginnen die Flussläufe mit ihrem bunten Bewuchs richtig zu leuchten.

Je mehr wir uns der Grenze zum Territorium Yukon nähern, desto mehr Wolken ziehen auf. Auf der einen Seite würde es nicht mehr so stauben, man kann andere Fahrzeuge schon über zig-Kilometer erkennen, zum anderen fährt man dann halt wieder durch Matsch.

Oben auf dem Wright-Pass überqueren wir wieder die Grenze von den North-West-Territories nach Yukon (müssen die Uhr wieder umstellen) und halten Ausschau, ob sich nicht doch noch eine Caribou-Herde durchs Tal wälzt. Wenn man eine der lokalen Herden sehen kann, dann oft von hier aus. Soll leider nicht sein.

Vom Pass aus sind es jetzt nur noch 5 km bis zu unserem heutigen angestrebten Stellplatz. Als wir unten bei der Einfahrt ankommen, wundern wir uns über Autos, die am Hwy-Rand stehen und sehen auch einen Fotografen mit riesigem Objektiv Bilder machen. Das kann nur Wildlife bedeuten. Und dann sehen wir auch schon den großen Grizzly, wie er in der Nähe der Einfahrt nur knappe 20 m entfernt, in aller Seelenruhe Beeren frisst. Um ihn nicht zu verjagen, parken wir auch am Straßenrand ein und schauen dem pelzigen Tier die nächste halbe Stunde beim Fressen zu. Irgendwann trollt er sich und überquert hinter unserem Mobil die Straße, wandert gen Westen über die Tundra-Ebene davon. Auch hier zeigt sich, welches Glück man haben muss, solch ein Tier hier in dieser endlosen Weite anzutreffen. Wir haben in den letzten Wochen tausende von Kilometern durch die Wildnis von Alaska und im Yukon absolviert und verhältnismäßig wenig Wildlife gesehen. Wären wir heute 30 min später angekommen, hätten wir diese Gelegenheit verpasst.

Nachdem Meister Petz in der Ferne verschwunden ist, fahren auch die anderen Schaulustigen wieder weiter und wir können in Ruhe am Stellplatz einparken. Wir fahren zwei Ebenen höher an den Hang, um einen schönen Überblick über die Tundra zu haben. Insgeheim hoffen wir, dass der Bär nochmal zurückkommt und hier in seinem Revier herumstreicht. Am Hang hinter unserem Platz kann ich nochmal in Ruhe einige der farbgebenden Pflanzen aus der Näher betrachten.

Der Bär lässt sich nicht mehr blicken. Es wird dunkel und leichter Nieselregen setzt ein.

 

Übernachtungsplatz:

Freistehen am Dempster Hwy, Grizzly View, GPS: 67.008773, -136.208237, viel Platz, mit 4x4 sind Plätze oben am Hang erreichbar, sehr ruhig, sehr empfehlenswert

 

 

Mi. 28.08.19 - Do. 29.08.19

 

Mittwoch:

 

Ruhetag. In den letzten 10 Tagen sind wir fast 2300 km ohne Unterbrechung durchgebrettert - von Valdez im Süden von Alaska bis hoch nach Tuktoyatuk und wieder zurück bis zu unserem heutigen Stellplatz. Bis auf zweimal 20 min leichter Regen hatten wir fast immer tolles Wetter und hatten dies auch entsprechend genutzt. Da der Dempster-Hwy, wenn er nass ist, eine richtige Schlitterbahn werden kann, von dem ganzen eklig hoch spritzenden Matsch mal abgesehen, empfiehlt es sich also jeden schönen Tag zu nutzen.

Als ich/P heute zwischendurch mal morgens um 4 Uhr aufgewacht bin, hörte ich es schon aufs Dach tropfen und somit war klar, dass heute definitiv Pause gemacht wird.

Als wir so beim Frühstück sitzen, uns den frischgebackenen leckeren Hefezopf schmecken lassen, entdeckt Marion am Berghang hinter uns, dass einer der 'braunen Büsche' sich bewegt. Bei genauem Hinsehen stellt der Busch sich dann als Beeren fressender Grizzly heraus. Leider verschleiert der Morgennebel klare Bilder von dem doch etwas fernen Bär. Wir vermuten, es ist der gleiche wie gestern Abend und wir stehen mitten in seinem Revier.

Wer kann schon sagen, dass er einen wilden, freilebenden Grizzly im Vorgarten hat .... Einfach genial.

Wir beobachten ihn noch eine knappe halbe Stunde, aber er entfernt sich immer weiter, hoch zum Grat, über den er irgendwann aus unserem Blick verschwindet.

Durch die Viel-Fahrerei sind wir mit dem Schreiben und Bilder sortieren wieder reichlich in Rückstand gekommen - da muss nachgearbeitet werden. Das funktioniert bei schlechtem Wetter nachvollziehbar am Besten. So wechseln sich Arbeiten am Rechner mit kleinen Spaziergängen ums Mobil und hin und wieder einem kleinen Schläfchen ab.

Marion kocht zum Essen heute das erste Lachsfilet aus unseren Tiefkühlbeständen zusammen mit leckerem Brokkoli als Beilage. Welch ein Schmaus.

Das Wetter verbessert sich den ganzen Tag über nicht und die Lust, eine Wanderung hoch auf den Grat zu machen hält sich arg in Grenzen. Mal sehen, vielleicht wird es Morgen besser und wir sehen mal nach, was oder wer sich so hinter dem Bergrücken verbirgt.

 

Donnerstag:

 

Es regnet, eher mehr als gestern, und zudem windet es stärker. Die Sicht ist weiterhin durch Nebelbänke eingeschränkt und so gibt es keine langen Überlegungen, ob wir stehen bleiben oder nicht. Ein weiterer Tag, um sich auszuruhen ist auch nicht schlecht.

Am Nachmittag bekommen wir Überraschungsbesuch von den Earthlovers Christin und Martin. Die beiden haben wir zuletzt bei der Hatchery in Valdez getroffen. Sie sind auf dem Weg nach Norden nach Tuktoyaktuk, haben Michaela und Richard im Schlepptau.

Die beiden kommen auf einen heiße Tasse herein, müssen aber leider nach einer Stunde gemütlichen Beisammenseins wieder weiter. Ca. eine Stunde später sehen wir Michaela und Richard mit ihrem Truck mit Fullspeed unten auf der Straße vorbei brettern. Wahrscheinlich haben sie uns übersehen oder einfach keine Zeit, da sie etwas spät dran sind und noch zu den Earthlovers aufschließen wollen. Schade, ein zweiter Besuch heute wäre nett gewesen.

 

Übernachtungsplatz:

Freistehen am Dempster Hwy, Grizzly View, GPS: 67.008773, -136.208237, viel Platz, mit 4x4 sind Plätze oben am Hang erreichbar, sehr ruhig, sehr empfehlenswert

 

 

 

Fr. 30.08.19

 

Der erste Blick heute Morgen aus dem Dachfenster und was sehen wir .... Schnee. OK, jetzt wird es Zeit, zügig gen Süden zu fahren. Bisher hatten wir einigermaßen Glück mit der Straße, aber der Regen die letzten zwei Tage und jetzt noch Schnee; das wird sicher spannend.

Wir kommen problemlos auf die Straße runter. Sie ist zwar matschig, aber befahrbar. Die Berghänge rundherum sind bis tief hinunter weiß gepudert. Der Grader ist am Arbeiten, beseitigt an einigen der schlimmeren Stellen den Matsch, um sie befahrbar zu machen. Obwohl die Sonne den Hochnebel noch nicht durchdringen kann, leuchten die Lärchen in ihrem grellgelben Kleid entlang der Strecke. Ich habe beim Fahren, besonders den Berg runter, leider nicht soviel Zeit, die Landschaft zu bewundern, sondern muss darauf achten, dass sich der 10-Tonner nicht selbstständig macht. Bremsen ist strikt verboten; kleiner Gang und höchstens mal die Abgasklappe schließen und dadurch die Drehzahlen drosseln. Auf der anderen Seite wird es spannend, ob wir genug Grip haben, um den Hang hochzukommen. Leichte Rutscheinlagen und etwas Wedeln mit dem Hintern bergauf und schon haben wir die kritische Senke überwunden, und alles ohne eingelegte Differentialsperren. Gut gemacht Moppel.

Nach 54 km kommen wir wieder am Arctic-Circle vorbei. Heute empfängt uns hier nur Nebel, so dass wir uns nicht lange aufhalten. Weiter geht es durch die bunte Landschaft, auch wenn die Farben heute etwas gedeckt sind. Der Kontrast zwischen dem jungen bunten Unterholz, das nach dem Brand vor Jahren das Terrain wieder erobert, und den abgebrannten Stängeln der Besenstielfichten ist extrem. Wie Phoenix aus der Asche kommt die Natur nach der totalen Zerstörung wieder mit voller Pracht zurück.

Zwischendurch kommen wir an einem Stück Straße vorbei, das in Notfällen hier in der Wildnis als Start-/Landebahn für kleinere Flugzeuge genutzt wird.

Wie schon öfter treffen wir unterwegs mal wieder auf Moorhühner. Gut getarnt sind sie wohl der Meinung, dass dies notwendigerweise voll genutzt werden müsste. Wenn man stoppt, schauen sie zwar etwas skeptisch, flüchten aber nicht, sondern machen nach kurzer Zeit einfach mit dem Balzen weiter. - Um etwas in die Zukunft vorzugreifen: Diese Eigenschaft ist nicht wirklich lebensverlängernd, führt aber zu einem leckeren Abendessen. Näheres dazu in unseren Reisegeschichten zu einem späteren Zeitpunkt.

Kurz vor 1 Uhr mittags machen wir unsere ersten 60.000 km seit Reisestart voll! Die nächste halbe Stunde lassen wir uns die letzten 1,5 Jahre durch den Kopf gehen; was wir bis dato schon alles erlebt haben. Man muss es sich immer wieder gezielt bewusst machen, mit Erinnerungen an Ereignisse, getroffene Menschen usw. verknüpfen, damit man es ermessen kann. Da wir öfter auf andere Reisende treffen, die schon 10 Reisejahre oder mehr auf dem Buckel haben, bekommen wir richtig Respekt vor diesen Zeiträumen. Was wir in so vielen Jahren wohl noch alles erleben werden?! Wir sind uns einig, wollen keine Sekunde missen und bereuen bisher nicht unsere Entscheidung, sondern sind immer fester davon überzeugt, dass dies für uns das richtige Leben ist und wir drei (inkl. Moppel) auf der besten Spur sind.

Nach insgesamt 207 km anstrengendem Ackern durch Matsch und Nebel machen wir heute an einer offenen Kiesgrube Schluss. Wir parken etwas abseits am Rand ein, von wo aus der Ausblick sicherlich toll ist, heute aber alles in der Nebelsuppe versinkt. Es ist recht frisch und feucht draußen. Ich/P befreie noch schnell die Lichter rundherum vom klebrigen Matsch, denn bis Morgen ist das Zeugs wie Beton und schwierig wieder wegzubekommen. Danach machen wir es uns gemütlich.

 

Übernachtungsplatz:

Freistehen am Dempster Hwy, GPS: 65.766164, -137.895002, Platz hinter einer Quarry, normalerweise gute Aussicht - heute leider nur Nebel, empfehlenswert

 

 

Sa. 31.08.19

 

Der Morgen ist zwar noch neblig, aber deutlich heller als gestern und wir haben die Hoffnung, auf den letzten 294 km unseres 'kleinen' Ausflugs in den Norden die bunte Landschaft wenigstens stellenweise bei Sonnenlicht und blauem Himmel genießen zu können. Genauso kommt es dann auch. Schade nur, dass die Bergketten im Tombstone-Park in den Wolken liegen und wir uns jetzt mit der näheren Umgebung begnügen müssen. Während oben, weiter im Norden, in der Tundra alles in Rot erstrahlte, ist im Süden eindeutig Gelb die bestimmende Farbe.

Und dann sind wir auch schon am Ende des Dempster angelangt, knapp 1800 km Schotterpiste, durch Staub und Matsch. We survived the Dempster Highway!

Als wir endlich in Dawson City ankommen, melden wir uns am Visitor-Center per WhatsApp wieder zurück, tanken frisches Wasser am offenen Wasserhahn auf der Rückseite des Gebäudes und kaufen noch ein paar Kleinigkeiten ein, während wir durch das pittoreske Städtchen bummeln. Eigentlich sollten wir den Moppel dringend grundreinigen – 'der sieht aus wie d'Sau! Der Schlamm spritzte bis hoch zu den Fenstern. Aber wir wollen Morgen noch die knapp 100 km Gravelroad auf dem Loop durch die Klondike-Goldfelder absolvieren. Dort werden wir uns wieder einsauen, deshalb verschieben wir die Reinigungs-Aktion noch.

Da wir schon am Spätnachmittag in Dawson angekommen sind, haben wir den Abend frei und entscheiden uns, gleich heute Abend in den Saloon/Spielhalle zur CanCan-Show bei 'Diamond Tooth Gertie' zu gehen. Der Eintritt beträgt 15C$, damit könnten wir dann in den nächsten Tagen so oft wir wollen umsonst ins Casino und die Show genießen. Getränke wie Bier oder Mixgetränke sind auch recht günstig. Der Spielsaloon wird vom lokalen Fremdenverkehrsverein und der Stadtentwicklung betrieben und alle Einnahmen fließen in den Erhalt und die Förderung der Stadt.

Jeden Abend gibt es 3 Shows: Um 20:30, 22:00 und 24:00 Uhr. Die Shows laufen immer ca. 40 min und dazwischen kann man sich an den Spieltischen vergnügen. Der Saloon ist sehr gemütlich, da überschaubar, hat nichts mit den professionellen Abzockerhallen in Las Vegas gemein.

Im oberen Stock steht in einer Glasvitrine eine der ersten Slot-Maschinen aus dem Jahre 1897, die man zum Spielen mit Münzen füttern konnte - also der Urgroßvater der einarmigen Banditen.

Pünktlich um 20:30 Uhr starten zwei Musiker die Show und Diamond Tooth Gertie betritt die Bühne, beginnt mit 2-3 Liedern zum Anwärmen, bevor die vier Tänzerinnen in Aktion treten. Diese wechseln während den 40 min 4mal die Kostüme, die sich auch bei den späteren Shows nochmals ändern, wie auch die Lieder. Besucht man also alle drei Shows am Abend, bekommt man drei verschiedene Shows zu sehen.

Wir stellen uns vor, wie vor hundert Jahren die Golddigger, total kaputt von der harten Arbeit auf den Feldern im Yukon, ihre Ersparnisse hier in den Saloon geschleppt haben, um wenigstens etwas Lebensgefühl zurückzubekommen, indem sie die leicht bekleideten Damen auf der Bühne bewundern durften und nebenbei das Glück herausfordern konnten. Sicherlich war zur damaligen Zeit, wie heute auch, am Ende immer die Bank der Gewinner. Deshalb lassen wir die Finger vom Glücksspiel und halten uns an die Damen auf der Bühne.

Da der Tag doch recht anstrengend gewesen ist, lassen wir die Mitternachtsshow ausfallen und gehen zurück zum Mobil. Die Nacht ist sternenklar und die Dame im Visitor-Center hat uns den Tipp gegeben, dass es zur Zeit starke Sonnenwindaktivitäten gibt eines Solarstorms, somit besonders schöne Polarlichter zu erwarten sind - allerdings erst so gegen nachts um 1-2 Uhr. Oje, ob wir das schaffen werden, so lange wach zu bleiben?

Wir beschließen, auf den Midnight Dome hochzufahren, ein Hügel im Rücken von Dawson City mit kahler Kuppe. Dort besteht auch die Möglichkeit, über Nacht frei zu stehen. Wir quälen also unseren Moppel nochmal, 8 km Serpentinenstraße hoch, suchen uns einen schönen Platz aus und gehen erst mal rein, um einen heißen Tee zu trinken. Während das Wasser kocht schaut Marion raus und sagt, dass am Himmel schon die Polarlichter zu sehen sind. Also warm angezogen und gleich raus.

Um es zusammenzufassen: Wir verbringen knappe vier Stunden draußen und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mit kurzen Unterbrechungspausen prasseln die energetischen Sonnenwinde ohne Unterlass auf das Magnetfeld der Erde und belohnt uns mit der besten Naturshow, die wir je gesehen haben! Wir haben mit dem Stativ über 200 Bilder gemacht - Video funktioniert bei diesen Helligkeitswerten mit unserer Kamera leider nicht - von denen wenige Ausgewählte hier zu sehen sind. - Einfach phantastisch!

Bei uns in der Nähe steht aus Whitehorse ein Deutscher mit seiner Mutter aus Heilbronn, die gerade auf Besuch ist, und meint, er hätte in den letzten Jahren, seit er hier im Yukon wohnt, schon hunderte Nächte Polarlichter gesehen, aber so eine Show wie heute Nacht, hätte er noch nie gesehen.

Wir kennen Polarlichter ja auch von Bildern und sind zuerst erstaunt, als wir die meisten über den Himmel tanzenden Girlanden in fahler, Mondlicht ähnlicher Farbe sehen. Erst die Kamera zeigt die richtigen Farben, kann diese auch bei Nacht darstellen, im Gegensatz zu unseren Augen, die nachts zumeist nur Grautöne erkennen wegen der farbempfindlichen Zäpfchen auf unserer Netzhaut, die im Dunkeln nicht gut funktionieren. Die erste Aufnahme ist entsprechend der Sicht angepasst, so wie es das menschliche Auge erkennt. Spätere Bilder zeigen Polarlichter, die fast weiß erstrahlen und rot-gelbe Ränder haben, diese sind so auch mit dem Auge zu sehen. Nur die grüne Farbe erkennen wir mit dem Auge nicht.

Das tollste an der Show können die Bilder aber leider nicht wiedergeben, nämlich die Teilchenschauer, die zum Teil mit hoher Geschwindigkeit gigantische Lichtvorhänge in Wellen an den Himmel zaubern. Ich/P drehe immer nur die Kamera auf dem Stativ und löse mit Belichtungszeiten zwischen 3-8 sec Aufnahmen aus. Währenddessen bekommen wir alle Genickstarre vom Schauspiel über unseren Köpfen.

Das ganze Schauspiel ist zusätzlich noch mit einem gigantischen Sternenhimmel inkl. gut sichtbarer Milchstraße unterlegt. Da hat sich das Frieren in der kalten klaren Nacht ausgezahlt. Unsere ERSTEN Polarlichter – und dann gleich so eine Show! WOW!

Das muss man live gesehen haben und ist definitiv eine Reise in den Norden in Europa oder Amerika wert!

 

Übernachtungsplatz:

Freistehen auf dem Midnight Dome, Dawson City, GPS: 64.068625, -139.393625, viel Platz, bis in die Nacht Besucher wegen den Northern Lights, empfehlenswert

 

 

Hier wieder die Kartenübersicht der 60. Woche mit den gewählten Stellplätzen:

Kanada_2019_Aug_2

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